"Meine Hochzeitsreise habe ich erpokert" – Interview mit Eike Adler

"Meine Hochzeitsreise habe ich erpokert" – Interview mit Eike Adler

Eike, wie kamst Du überhaupt zum Pokerspiel? Seit wie vielen Jahren spielst Du und was fasziniert Dich so an diesem Kartenspiel?

Ich spiele schon seit über 20 Jahren Poker, gestartet bin ich vor allem mit Draw Poker. Das haben wir damals unter Freunden um Pfennige gespielt – lange bevor es Onlinepoker gab, oder Texas Hold’em in Deutschland populär wurde. Mich fasziniert vor allem die strategisch/mathematische Seite des Spiels.

Ist Poker grundsätzlich für Dich ein erlernbarer Sport?

Bei „Sport“ denke ich an Bewegung, deshalb tue ich mich auch bei Schach ein wenig schwer mit dem Begriff. Aber Poker ist ein Skill-Game, bei dem erlernbare Fähigkeiten die Gewinnchancen erhöhen. Das hat Poker mit Sport gemeinsam.

Gerade erst führten wir ein Interview mit dem Uni.-Professor Dr. Ingo Fiedler, der behauptet, dass Poker rein rechtlich ein Glücksspiel ist. Was hälst Du von dieser Behauptung? Alles Übung oder spielt das Glück doch eine entscheidende Rolle?

Naja, „rein rechtlich“ ist eine ziemlich neutrale Aussage, wenn man bedenkt, dass die letzte deutsche Rechtseinschätzung zu dieser Frage sehr, sehr alt ist. Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, sondern sie ist von der Pokerdisziplin und den Gegebenheiten des Spiels abhängig. Beispiel A: Ein Turnier mit 10.000 Spielern, wo jeder 1 Chip hat und es eine Ante von 1 gibt. Das ist reines Glücksspiel. Beispiel B: Die World Series of Poker mit Texas Hold’em als Spielvariante. Das Spiel hat einen recht hohen Strategieanteil (höher z.B. als Draw Poker, auf das sich unsere Rechtseinschätzung aus dem letzten Jahrhundert bezog), und das Turnier eine sehr langsame und „deepe“ Chipstruktur. Hier würde ich sagen, dass der Geschicklichkeitsanteil den Glücksanteil überwiegen dürfte, dennoch braucht man auch ein wenig Glück, um an den Final Table zu gelangen.

Poker mit System (Band 1 und 2) gilt deutschlandweit als Bestseller unter den Pokerbüchern. Du warst schon vor der Veröffentlichung dieser Bücher online als Poker-Autor sehr aktiv. Was hat dich dazu gebracht diese Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen?

Ich war nicht nur im Bereich Poker als Journalist tätig, sondern habe auch zu diversen anderen Themen geschrieben. Das Buch war ursprünglich eigentlich gar nicht geplant, sondern sollte eine Artikel-Serie für ein großes deutsches Onlinemagazin werden. Da ich aber so viel über das Thema zu erzählen hatte, ist das quasi ein wenig ausgeufert. Also habe ich ein Buch daraus gemacht. Der Erfolg des Buches mit dem Pokerboom in Deutschland 2007 hat mich ehrlich gesagt auch überrascht. Auch heute sind die beiden Bücher bei Amazon unter den Top 5 aller deutschsprachiger Pokerbücher. Das ist wirklich unfassbar, und macht mich auch ein wenig stolz.

Für die meisten, vor allem für Anfänger, ist das Pokerspiel sehr komplex und auch nach Jahren schwer zu verstehen. Wie lange hast Du gebraucht oder wie lange hast du Dich mit der Materie Poker beschäftigt um das Thema so explizit und so detailgenau beschreiben zu können? Hattest Du Hilfsmittel?

Da es vor der Veröffentlichung von „Poker mit System“ so gut wie keine deutschsprachigen Pokerbücher gab, habe ich meine Informationen aus englischsprachigen Büchern und vor allem Foren bezogen. Hier habe ich die neusten Entwicklungen und Strategien des Spiels mit anderen Spielern diskutiert. Und einige der Ansätze und Spiel-Systeme habe ich damals als erster deutscher Autor zu Papier gebracht, wie z.B. das „Independent Chip Model“ für Turniere oder das hyperaggressive Spiel im Cashgame als „Maniac“. Aber das waren seinerzeit immer nur Theorien, die man im echten Spiel am Tisch selber ausprobieren und validieren musste. Ich habe zu der Zeit also auch selber sehr viel gespielt, und viele Theorien und Systeme ausprobiert, die ich in den Büchern dann vorgestellt habe. Heute sind diese Spielsysteme unter Profi-Pokerspielern recht verbreitet und etabliert, aber damals war das komplettes Neuland in der Pokerszene.

Es gibt viele Bücher zum Thema Poker. Was unterscheidet „Poker mit System“ von vielen anderen Pokerlektüren?

Ich glaube, ich habe mit beiden Büchern einen guten und leicht verständlichen Leitfaden entwickelt, den man quasi ablaufen kann, und wo am Ende eine solide Basis steht, mit der quasi jeder Pokerspieler solide Gewinne erzielen und sich eine Bankroll aufbauen kann. Ich habe immer praktische übungen an das Ende jeder Lektion gestellt, damit die Theorie auch wirklich am Tisch ausprobiert wird. Das unterscheidet die Bücher sicherlich von vielen anderen.

Ein Zitat aus Deinem Buch lautet „Bluffen Sie so gut wie niemals in einem Live-Spiel!“. Ist Bluffen nicht ein fester Bestandteil eines guten Pokerspiels?

Natürlich. Diese Aussage am Anfang von Band 2 wird im Laufe des Buches auch relativiert. Aber mir war es wichtig, dem Leser eine bestimmte Brille aufzusetzen, damit er versteht, wie sinnlos es ist, gegen sogenannte „Calling Stations“ zu bluffen. Und diese findet man auch heute noch in vielen Live-Cashgame-Runden. Ich habe meine Bluffs in Live-Runden irgendwann so gut wie eliminiert, und das hat meine Winrate merkbar gesteigert. Deshalb halte ich das für einen guten Anfänger-Tipp, weil die Spieler einem live häufig sehr viel nicht glauben.

Du warst selbst lange Zeit als Pokerspieler aktiv, hast 2007 bei der EPT in Dortmund teilgenommen und warst unter anderem auch bei der WSOP 2008 in Las Vegas. Bei diesen beiden Turnieren bist Du selbst nicht „ins Geld gegangen“. Wieso nicht, fehlte Dir die richtige Strategie?

Ich bin selbst als aktiver Spieler eher in Cashgame-Runden als auf großen Turnieren unterwegs gewesen. Für diese beiden Major-Turniere hatte ich mich qualifiziert, und es war schade, dort nicht ins Geld gekommen zu sein. Aber um von „Strategie für Turniere“ in dieser Größenordnung zu sprechen, hätte ich deutlich mehr davon spielen müssen als nur ein paar wenige – dafür ist die Varianz bei Turnieren einfach zu hoch. Professionelles Live-Turnierpoker geht aber auch immer einher mit einem sehr eigenen Lebensstil, bei dem man permanent herumreist und eigentlich das ganze Jahr über Turniere spielen muss, um diese Variante seriös betreiben zu können. Das war aber nie meine Ambition, und hätte ich auch nie mit meinem privaten Leben vereinbaren können.

Auf Deiner Website verlinkst Du zu Online Poker Anbietern. Würdest Du ein Live Spiel einem Online Spiel vorziehen? Gibt es einen Online Pokeranbieter den Du Spielern empfehlen würdest?

Auf der Seite Poker-mit-System.de habe ich lediglich eine zeitlang gebloggt. Dort habe ich auch meine Empfehlung für Online-Pokerräume ausgesprochen, die heute noch gilt. Selbst spiele ich mittlerweile kaum noch online, sondern eher live in privaten Runden und zum Spaß, da mich mein aktueller Beruf und mein Leben als Familienvater mehr als ausfüllt.

Viele Pokerspieler haben aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht. Oft eine riskante Entscheidung. Was denkst Du darüber?

Ich habe selber über ein Jahr lang ausschließlich vom Pokern gelebt. Das funktioniert durchaus sehr gut, ist aber bei weitem nicht so „easy“, wie sich viele Hobbyspieler das vorstellen. Es ist ein richtiger Job, der aus Disziplin, permanenter Fortbildung und sehr langen Nächten besteht. Ich bin in der Zeit viel in Europa herumgereist, habe neben den Online-Sessions in diversen Casinos gespielt und wirklich sehr gutes Geld verdient. Aber nach einiger Zeit habe ich festgestellt, dass es nicht der für mich passende Lebensstil ist. Daraufhin habe ich mich mehr aufs Coachen und Schreiben konzentriert, und mir den Spaß am Pokern als Hobby erhalten. Meine Hochzeitsreise vor zwei Jahren habe ich mir trotzdem erpokert – nachts auf dem Handy, als ich nicht schlafen konnte. 😉

Was macht Deiner Meinung nach eine professionellen Pokerspieler aus und würdest Du Dich selbst als Profi bezeichnen?

Ich würde mich heute nicht unbedingt als Profi-Spieler bezeichnen, weil ich einfach nicht jeden Tag 6-10 Stunden spiele. Ein Profi sieht das Pokern als Job an, und betreibt es auch entsprechend. Ich habe das wie gesagt eine zeitlang erfolgreich gemacht, aber heute ist das nicht mehr mein Lebensinhalt. Ich glaube aber, dass ich mich durchaus mit einigen Pokerprofis messen könnte!

Du hast uns verraten, dass Du Dich als Pokerbuchautor aus der Öffentlichkeit zurück gezogen hast? Auch als Pokerspieler? Und wenn ja, wieso kam diese Entscheidung?

Ich betreibe ein Start-Up in einem ganz anderen Bereich, und dafür arbeite ich aktuell durchschnittlich 60 Stunden die Woche. Da bleibt wenig Zeit zum Pokern – speziell wenn man dazu noch eine Familie mit Kind hat. Aber hin und wieder juckt es mich schon in den Fingern, speziell wenn ich sehe, wie viele „Fische“ sich immer noch an den Tischen tummeln – sowohl online als auch live.

Möchtest Du noch weitere Bücher zum Thema veröffentlichen?

Das wohl eher nicht. Aber ich werde demnächst evtl. ein paar Coaching-Videos erstellen, und diese z.B. auf udemy.com veröffentlichen. Mit diesem Format habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht, auch in anderen Bereichen, und das würde mich als Autor und Coach reizen. Mal schauen, ob ich die Zeit dafür finde.

 

Eike Adler

Buchautor und Pokerspieler

www.Poker-mit-System.de

Interview geführt von Patrick Wiese

(Bildquelle:topdogs.de)