Poker rein rechtlich ein Glücksspiel – Interview mit Dr. Ingo Fiedler

Poker rein rechtlich ein Glücksspiel – Interview mit Dr. Ingo Fiedler

Herr Dr. Ingo Fiedler, seit 2011 sind Sie Mitglied des Arbeitsbereichs "Glücksspiele" an der Universität Hamburg und das Glücksspiel zählt zu Ihren Forschungsschwerpunkten. Was reizt Sie an diesem Thema?

Das Phänomen "Glücksspiele" mit all seinen Facetten kann nur mit einer interdisziplinären Herangehensweise vollumfänglich verstanden werden. Das eröffnet viele neue Perspektiven, die einem bei der Arbeit in einer einzelnen Disziplin verwehrt blieben. Zugleich ist es ein gesellschaftlich sehr relevantes Thema, bei dem die eigene Forschungsarbeit nicht für den Elfenbeinturm verfasst wird, sondern gesamtgesellschaftliche Auswirkungen hat.

Mit der Studie 2011 Mitglied des Arbeitsbereichs "Glücksspiele" an der Universität Hamburg stellten Sie neue Fakten über Onlinepoker vor und präsentierten harte Thesen. Wie war die Resonanz von Seiten der Glücksspiel-Community?

Die Glücksspiel-Community hat auf die Ergebnisse unserer ersten Pokerstudie sehr verschieden reagiert. Zum einen hieß es, dass die zu Grunde liegende Struktur des Pokermarktes – einige wenige Spieler sorgen für den größten Teil der Umsätze – lange bekannt sei. Andere haben gerade dieses Ergebnis angezweifelt. Insgesamt bestand jedoch ein großes Interesse an einer objektiven Darstellung des Pokermarktes, denn bisherige Studien waren in der Regel aufgrund einer schwachen Datenbasis wenig aussagekräftig.

Mit welcher These zum Thema Glücksspiel waren Sie besonders risikofreudig?

Meine These, dass sich das Geschick bei Spielen mit Glücks- sowie Geschicklichkeitsanteil (zum Beispiel Poker) mit zunehmenden Spielwiederholungen durchsetzt, ist vermutlich die bislang meist diskutierte These von mir.

Was halten Sie von der undurchsichtigen Online Glücksspiel Regulierung des deutschen Glücksspielmarkts aktuell?

Die Regulierung von Onlineglücksspielangeboten in Deutschland ist denkbar einfach: sie sind gänzlich untersagt – mit Ausnahme von einigen wenigen Angeboten für Spieler in Schleswig-Holstein. Allerdings erfährt diese Regulierung keinerlei Durchsetzung, was in der Praxis den freiest möglich Markt bedeutet – der Spielerschutz leidet.

Hat sich Ihre Meinung im Laufe der Jahre maßgeblich verändert? Vielleicht speziell seit Ihren veröffentlichten Thesen im Zusammenhang mit der Studie?

Grundlegende Veränderungen in meiner Sichtweise auf Glücksspiele haben sich nicht ergeben. Die bestehende Auffassung hat sich eher verstärkt.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, wie würde ihre Wunschregulierung des Online Glücksspielmarkts in Deutschland aussehen?

Aus meiner Sicht wäre ein lückenlos durchgesetztes Verbot von Onlineglücksspielen die optimale Regulierung. Dies ist allerdings utopisch.

Was ist Ihrer Meinung nach am Online Glücksspiel für die Spieler besonders gefährlich?

Im Vergleich zu anderen Suchtmitteln besteht beim Glücksspiel keine Grenze: egal wie reich jemand ist, er kann sein Geld in kürzester Zeit verspielen. Kombiniert mit der ständigen Verfügbarkeit von Onlineglücksspielen bedeutet dies, dass nur wenige unbedachte Momente ausreichen können, um eine Existenz zu ruinieren. So gibt es Beispiele von Spielern, die in nur einer Nacht ihr gesamtes Vermögen verzockt haben. Wie sich diese Spieler nach dem Aufwachen fühlen, möchte ich mir nicht ausmalen.

Online Poker wird immer separat behandelt. Trifft das für Sie auch zu und wenn ja warum bzw. wenn nein warum nicht?

Poker ist insofern von klassischen Glücksspielen verschieden, dass die Spieler gegeneinander und nicht gegen die Bank antreten und die Geschicklichkeit der Spieler einen Einfluss auf das Spielergebnis hat. Damit zieht Poker ein gänzlich anderes Klientel an, als andere Glücksspiele. Dies wird besonders deutlich, man die Halle eines größeren Pokerturniers betritt: keine Geräusche außer das Shufflen von Chips und gelegentliche Durchsagen ist vernehmbar, das Licht ist hell, die Spieler trinken Wasser – gänzlich anders als bei anderen Casinospielen. Entsprechend ist eine getrennte Betrachtung des Pokerspiels notwendig. Dies gilt zugleich auch für die anderen Formen von Glücksspielen: Lotterien unterscheiden sich stark von Sportwetten und auch von Glücksspielautomaten.

Mit der Aussage, dass es sich beim Poker, sobald mehrere Hände gespielt werden, um ein Geschicklichkeitsspiel handelt, haben Sie damals für Aufsehen gesorgt. Stehen Sie noch heute hinter dieser Aussage und wie rechtfertigen Sie die Einordnung des Pokerspiels als Geschicklichkeitsspiel?

Mit zunehmenden Spielwiederholungen konvergiert Poker zu einem Geschicklichkeitsspiel. Die Mehrheit der Spieler erreicht diesen Punkt allerdings nicht – und spielt daher ein Glücksspiel. Und da der Gesetzgeber bei der Einordnung des Spiels auf den durchschnittlichen Spieler abzielt, ist Poker rechtlich als Glücksspiel einzuordnen. Davon unbefangen ist es, dass einzelne professionelle Spieler, die mit Poker ihren Lebensunterhalt verdienen, ein Geschicklichkeitsspiel spielen und damit steuerpflichtig sind.

Dr. Ingo Fiedler

Tel.: +49 40 42838 -6454

E-Mail: ingo.fiedler@uni-hamburg.de

Interview geführt von Franziska Steiner

(Bildquelle: concordia.ca)